Im Tal des Wassers und der Bäume
- Pia Steen

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Mit jedem weiteren Meter, den ich tiefer ins Tal fahre, wird die Luft spürbar kühler. Die Mautstrasse ist schmal, und ich bin erleichtert, dass mir zu dieser späten Stunde kein Postauto mehr entgegenkommt. Ich war schon mehrfach in dieser Region und habe mir erneut vorgenommen, diesen Herbst einige Tage hier zu verweilen – denn rund um die Grosse Scheidegg gibt es unendlich viel zu entdecken.
Dieser Pass verbindet Grindelwald im Tal der Schwarzen Lütschine mit Meiringen im Haslital und die Höhe liegt unterhalb des imposanten Wetterhorns, eines mächtigen Gipfels im Rosenlauital. Seit Jahrhunderten schmiegt sich der kleine Ort an den alten Passweg, der im Spätmittelalter über die Große Scheidegg nach Grindelwald führte. Seine Bedeutung lag lange Zeit weniger im Verkehr als in der umliegenden Landwirtschaft, insbesondere in der Milch- und Viehwirtschaft. Wo früher ein holpriger Weg entlanglief, verläuft heute eine gut asphaltierte Straße. Mit dem Aufkommen des Reisens am Ende des 18. Jahrhunderts entstanden erste Gasthäuser, die durch zeitgenössische Reiseberichte weit über die Region hinaus bekannt wurden. Die Entdeckung von Schwefelquellen machte Rosenlaui von 1788 – 1824 sogar zu einem Kurort. Daraus entwickelte sich ein elegantes Kurhaus, das zugleich als Unterkunft für Reisende diente. Ein Brand im Jahr 1862 führte zum Wiederaufbau in der heutigen Form, jedoch ohne Badehaus.
Doch es ist vor allem die Landschaft in der Rosenlaui, die mein Fotografenherz höherschlagen lässt: farbenfrohe Alpweiden, schroffe Bergspitzen, blau schimmernde Gletscher, knorrige alte Ahornbäume, rauschende Wasserfälle und vom Wetter gezeichnete Ställe prägen das Tal. Und als besonderes Highlight wartet hier eine Gletscherschlucht, die ihresgleichen sucht.
Das Wetter ist kalt, aber klar und einladend, als ich mich am frühen Morgen auf den Weg mache, um zu fotografieren. Mein Blick wandert über den Reichenbach hinauf zum Wellhorn, dessen Gipfel noch von dichten Wolken umhüllt ist. Ich richte meine Komposition ein und warte. Ein eisiger Wind zieht vom Berg durch das Tal, und die Zeit scheint stillzustehen. Nach etwa einer Stunde gibt der Gipfel schließlich den Blick frei. An dem steilen Hang steht ein einzelner kleiner gelber Laubbaum, von der Sonne erfasst, während die Wolken mal dichter, mal lichter um ihn herumziehen – ein beeindruckender Anblick.


Nachdem ich meine Aufnahmen im Kasten habe, breche ich zu einem Wasserfall auf, der unterhalb des Rosenlauigletschers liegt. Der nur sechs Quadratkilometer große Gletscher speist den Reichenbach und hat einst auch die Rosenlauischlucht geformt – eine tiefe, kalte Gletscherschlucht, die detailverliebten Fotografen unzählige Motive bietet. Auch ihr möchte ich noch einen Besuch abstatten.
Ein steiler, glitschiger Pfad führt mich hinab zum Wasserfall, und jeder Schritt verlangt volle Aufmerksamkeit, um nicht auszurutschen. Ich fotografiere, bis das Licht zu hart wird, und mache mich schließlich auf den Rückweg zu meinem Bulli.


Es ist bereits später Vormittag. Bevor ich aufbreche, gönne ich mir noch ein kleines Frühstück, dann mache ich mich auf den Weg zu einer kurzen, aber besonders schönen Wanderung. Zwischen urigen Alphütten, mit Blick auf den Rosenlauigletscher, zieht sich der Pfad durch dichte Nadelwälder stetig bergauf. Die Sonne steht noch zu tief, um das Tal zu erreichen, und so liegt an diesem Herbstmorgen eine spürbare Kälte in der Luft.


Nach gut einer halben Stunde erreiche ich ein kleines Plateau. Dort empfängt mich endlich die Sonne. Ihre warmen Strahlen streifen mein Gesicht, während mein Blick über die weiten Alpwiesen gleitet. Goldgelb gefärbte Ahornbäume durchziehen die Landschaft, und im Hintergrund ragen die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Wellhorn und Wetterhorn majestätisch empor. Ein beeindruckender Anblick, der mich für einen Moment innehalten lässt, bevor ich meinen Weg über die sanften Hügel weiterführe, mitten hindurch durch die leuchtenden Ahornbäume.





Der Tag vergeht wie im Flug. Ich merke, dass ich mich beeilen muss, wenn ich noch die Schlucht besuchen und später von einer weiteren Anhöhe aus den Sonnenuntergang fotografieren möchte.
Mein Weg führt mich weiter zur Rosenlauigletscherschlucht. Bereits 1903 wurde diese Klamm für Besucher zugänglich gemacht und gehört heute zum UNESCO-Weltnaturerbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch. Mit einer Länge von rund 600 Metern und einem Höhenunterschied von etwa 155 Metern ist sie zwar überschaubar, steht größeren Schluchten in ihrer Schönheit jedoch in nichts nach. Überall lassen sich faszinierende Details entdecken: Gumpen, kleine und große Wasserfälle sowie bunt schimmernde Steine im klaren Wasser.


Das Fotografieren erweist sich auf den schmalen Stegen als echte Herausforderung – besonders dann, wenn andere Besucher die Holzstufen überqueren und der Boden zu vibrieren beginnt. Immer wieder baue ich mein Stativ ab und trete zur Seite, um Platz zu machen. Nach etwa einer weiteren Stunde erreiche ich schließlich das Ende der Schlucht und setze meinen Fußmarsch fort. Dieses Mal geht es talabwärts.



Die Sonne steht bereits tief, und ich muss mich beeilen, denn bald wird das Laub der Bäume nicht mehr im warmen Licht leuchten. Der Weg ist zwar nicht besonders lang, dafür aber recht steil. Immer wieder wandert mein Blick hinauf zu den Bergen.



Oben angekommen ziehen mich die leuchtend bunten Ahornbäume magisch an, als wollten sie festgehalten werden. Noch immer staune ich über das weite Panorama, das sich vor mir ausbreitet. Bild um Bild entsteht, während die Sonne langsam tiefer sinkt und das Licht weicher wird. Schließlich finde ich mein letztes Motiv und lasse den Blick schweifen. Die Berge beginnen zu glühen, warm und still, und ein letztes Mal erklingt das leise Klicken meines Auslösers.






Die kühle Abendluft trägt den Duft von Laub und Erde mit sich, während ich den Weg nach unten antrete, erfüllt von Dankbarkeit für diesen außergewöhnlichen Tag an einem wahrhaft magischen Ort. Die Farben des Tages verblassen, doch das Gefühl dieses Moments bleibt tief in mir verankert.




